Kühlmittel-Schmuggel

EU wird von illegalen Kühlmitteln überschwemmt

In den baltischen Staaten sowie in Rumänien häufen sich die Fälle illegaler Kühlmittel. Verkauft wird vor allem gefälschtes R134a, das hauptsächlich aus R22 und Kohlenwasserstoff besteht. Belgien reagiert mit einer Kühlmittel-Hotline.

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In Trucks, getarnt zwischen anderen Gütern, werden die illegalen Kühlmittel über die Grenze geschmuggelt.

Eine Schmuggel-Reihe, wie sie die Kältemittel-Branche noch nicht erlebt hat, spielt sich derzeit im Osten der EU ab. In den baltischen Staaten klagen immer mehr Händler über gefälschte und sogar gefährliche Kühlmittel. Das estnische Umweltministerium warnt vor der Ausbreitung illegaler Kühlmittel in Einwegzylindern. Die Einwegzylinder sind in der EU seit 2007 gänzlich verboten, nur wiederverwendbare und korrekt markierte Zylinder dürfen hier verwendet werden, wie in der F-Gase-Verordnung festgehalten ist. Zudem weist Estland darauf hin, dass die Verpackungen häufig nicht sicher genug sind.

Import aus China

Auch in Rumänien werden zunehmend Einwegzylinder mit falschem Inhalt entdeckt. Die Rumänische Vereinigung von Automotiv-Experten ASAR warnt Autohändler öffentlich vor gefälschtem R134a. Das Kühlmittel soll vor allem aus China importiert werden und aus einer Mischung aus R22, Kohlenwasserstoff und weiteren unbekannten Gasen bestehen. Der Anteil an R134a liege lediglich bei 1,3 Prozent, so die Vereinigung. Einige Flaschen bestehen laut ASAR zu 85 Prozent aus brennbarem Kohlenwasserstoff. 

In den vergangenen Jahren wurden so gut wie keine illegalen Importe von Einwegzylindern mit gefälschten Kühlmitteln wahrgenommen. Die Zahl der Fälle sei im vergangenen Jahr signifikant angestiegen, so die estnische Zollbehörde. Über 200-mal wurden 2018 illegale Zylinder über die russisch-estnische Grenze in die EU importiert. Auch in Litauen ist der illegale Import spürbar. Rund fünf Millionen Euro gingen der Staatskasse vergangenes Jahr dadurch verloren. 

Mangelnder Einsatz aus Brüssel

In Brüssel fordert das European Fluorocarbons Technical Committee EFCTC, das europäische Fluorkohlenstoff-Hersteller repräsentiert, nun einen verstärkten Einsatz auf EU-Ebene. Das Gesetz über den Transport gefährlicher Güter müsse genauer angewandt werden, um dem Kältemittel-Schmuggel ein Ende zu setzen. Das EFCTC ist aber auch selbst tätig und hat eine Hotline eingerichtet, an die Verstöße über illegale Importe gemeldet werden können. Seit der Gründung im März gingen bereits über 100 Anzeigen zu illegalen Kühlmitteln ein. Das EFCTC will mit der Hotline und den gemeldeten Vorfällen mehr Aufmerksamkeit auf das Problem ziehen, sodass aus der EU-Kommission endlich Maßnahmen zur Eindämmung des Kühlmittel-Schmuggels folgen.

Laut Branchenexperten wurden EU-weit im vergangenen Jahr Kältemittel mit einem CO2-Äquivalent von 16,3 Millionen Tonnen gehandelt. 2019 sei die Situation aber noch viel schlimmer, verkündet die litauische Zollbehörde. Alleine im Juni seien bereits über 1.200 Zylinder mit illegalen Kältemitteln im Wert von 50.000 Euro registriert worden. Die Zylinder werden dabei in kleinen Mengen von ein bis zwei Zylindern pro LKW über die Grenze geschmuggelt. Vergangene Woche wurden zwei 11,3 Kilogramm schwere Zylinder befüllt mit illegalem R410A an der weißrussischen Grenze entdeckt. 

F-Gase-Verordnung könnte Auslöser sein

Der Anstieg des illegalen Imports von Kühlmitteln könnte mit der verschärften F-Gase-Verordnung einhergehen. Seit 1. Jänner 2018 gilt ein Verbot für die Verwendung von Schwefelhexafluorid bei Magnesiumdruckguss. Ab 1. Jänner 2020 dürfen keine F-Gase mit einem GWP über 2.500 mehr zur Wartung und Instandhaltung von Geräten verwendet werden. Die Kühlmittel-Preise steigen dadurch an und der Kauf günstiger Kühlmittel aus dem Ausland wird immer attraktiver. Die illegalen Güter werden vor allem online gekauft. Viele außereuropäische Anbieter ignorieren die F-Gase-Verordnung schlichtweg und bieten ihre Ware trotzdem auch innerhalb der EU an.

Mittlerweile schwappt das Problem der illegalen Kühlmittel auch auf den Rest der EU über. In Polen, Bulgarien und Ungarn, aber auch Frankreich, Deutschland und Italien klagen Händler über gefälschte Ware. Der italienische Fernsehsender Canale 5 TV deckte Anfang Juni auf wie einfach unzulässige Kühlmittel online gekauft werden konnte. Im Versuch wurde eine 800 Gramm schwere Flasche voll R410a über Amazon bestellt – mit Erfolg. Dennoch macht die EU-Kommission keinerlei Anstalten, dem Kältemittel-Schmuggel auf den Grund zu gehen und den illegalen Import zu stoppen. Damit wird der Effekt der von der EU beschlossene F-Gase-Verordnung deutlich gemindert.

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