Brexit

So bereitet sich die Industrie auf einen harten Brexit vor

Am 31. Oktober könnte Großbritannien die EU nun endgültig verlassen. Der tatsächliche Austritts-Termin der Briten wird immer weiter nach hinten verschoben, die Auswirkungen auf die Industrie sind bereits jetzt spürbar.

Am 31. Oktober soll Großbritannien die EU verlassen.

Für die Industrie bedeutet der Brexit-Prozess große Unsicherheit. Es ist unklar wie der Handel mit Großbritannien weitergeht und was im Falle eines harten Brexit passiert. Viele Hersteller bereiten sich deshalb schon seit einigen Monaten auf einen harten Brexit und Lieferschwierigkeiten nach Großbritannien vor. 

Heizungshersteller ist gewappnet

So auch der deutsche Heizsystem-Hersteller Stiebel Eltron. Für das Unternehmen ist Großbritannien eigentlich ein wichtiger Markt, der nun in ungewisse Wässer abgleitet. „Wir stufen bereits seit Oktober des vergangenen Jahres die Wahrscheinlichkeit eines harten Brexit als sehr hoch ein“, so Stiebel Eltron-CEO Nicholas Matten. Um den Folgen eines harten Brexit vorzubeugen, hat der Hersteller bereits mit der Bevorratung von Produkten in Großbritannien begonnen. Unternehmen, die sich noch nicht auf den Brexit vorbereitet haben, rät Matten nun schnell zu reagieren.

Das empfiehlt Alexander Börsch, Chefökonom und Leiter Research bei Deloitte: „Die Auswirkungen des Brexit-Prozesses auf die deutsche Wirtschaft sind bereits spürbar, eine Folge der andauernden Unsicherheit. Für Unternehmen, die noch nicht ausreichend vorbereitet sind, gilt jetzt: Die wenigen Wochen, die noch bleiben, müssen dafür genutzt werden. Ein harter Brexit hätte weitreichende Folgen auch für deutsche Unternehmen.“ Gemeinsam mit dem Bundesverband der Industrie (BDI) hat Deloitte eine Studie zu den Risiken und Erwartungen der deutschen Wirtschaft gegenüber des Brexit verfasst.

Keine Planungssicherheit für Unternehmer

Die Untersuchung zeigt, dass der Brexit-Prozess bereits zu Schwierigkeiten bei der langfristigen Planung der Unternehmensaktivitäten im Vereinigten Königreich führt. Die mehrfache Verschiebung des Austritts-Termins macht die Planbarkeit nicht gerade einfacher. Unternehmen versuchen sich bestmöglich vorzubereiten und greifen dabei auf eine Vielzahl an Maßnahmen zurück. Dazu gehören Vertragsanpassungen ebenso wie die Analyse alternativer Transportwege und die Verlagerung von Produktionsstätten, die Erhöhung von Lagerkapazitäten oder der Austausch britischer Zulieferer und Dienstleister. 

Eine zentrale Task Force zur Bewältigung von möglichen Brexit-Folgen haben bisher 37 Prozent der befragten Unternehmen eingerichtet, deutlich mehr als die Hälfte analysieren mögliche Brexit-Implikationen bisher vor allem punktuell (58 Prozent). Erst 52 Prozent der befragten Unternehmen haben Notfallpläne für den Fall eines ungeordneten Austritts aus der EU entwickelt. Die Banken sind hier am besten vorbereitet.

Gerade einen harten Brexit fürchten deutsche Unternehmen aber. 47 Prozent der befragten Unternehmen schätzt den Schaden, der in diesem Fall auf sie zukäme, als hoch oder sogar sehr hoch ein. Zudem würden laut Befragung ein Viertel der Unternehmen in Deutschland Stellen streichen. 

Ein ungeordneter Brexit hätte weitreichende Auswirkungen auch auf den Standort Deutschland. „Die Unternehmen haben sich vorbereitet. Trotzdem werden negative Effekte mit Sicherheit eintreten. Sie lassen sich auch durch die beste Vorbereitung nicht verhindern“, sagt BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang. „Ein ungeordnetes Ausscheiden des Vereinigten Königreichs riskiert ein bilaterales Außenhandelsvolumen Deutschlands von rund 120 Milliarden Euro an Ein- und Ausfuhren. Der britischen Wirtschaft droht eine unmittelbar durchschlagende Rezession, die auch an Deutschland nicht unbemerkt vorüberziehen würde.“

EU muss Hersteller absichern

Insgesamt die größte Sorge macht deutschen Unternehmen ein nachlassender Handel mit dem Vereinigten Königreich. Das sagen mehr als die Hälfte der Unternehmen (51 Prozent). Die politische Gefahr eines Auseinanderfallens der EU wird ebenfalls als hoch eingeschätzt. Auch deswegen wünschen sich jeweils über ein Drittel der deutschen Unternehmen nach einem wie auch immer gearteten Brexit eine stärkere Zusammenarbeit in bestimmten Politikfeldern beziehungsweise mehr generelle Integration innerhalb der EU.

Die deutschen Unternehmen sehen nach einem Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU auch Chancen für den Standort Deutschland. Dabei werden vor allem eine Stärkung des Finanzplatzes, steigende ausländische Direktinvestitionen und eine Verlagerung bestehender Unternehmen oder Unternehmensteile nach Deutschland genannt. 

Auch britische Unternehmen bereiten sich auf die Auswirkungen eins Brexit vor. Vor allem Hersteller Heizungs- und Sanitärprodukten befinden sich häufig außerhalb des Vereinigten Königreichs. Die benötigten Materialien aus der EU sind begehrt und könnten für die Briten damit teurer werden. Auch auf Lieferschwierigkeiten müssen britische Unternehmen sich einstellen. Wann und ob Großbritannien die EU wirklich verlässt, bleibt abzuwarten. Bis dahin sollten Hersteller – sowohl in der EU, als auch in Großbritannien – sich auf alle Eventualitäten vorbereiten. 

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