Stromversorgung

Netzstabilität und Ausbau: Darauf kommt es jetzt im österreichischen Stromnetz an

Der Großteil der Büroarbeit wurde ins Homeoffice verlegt, immer mehr Produktionsstätten wegen des Coronavirus heruntergefahren. Damit sinkt der Stromverbrauch deutlich – eine Herausforderung für Netzbetreiber. Wie das Virus die Netzstabilität beeinflusst und worauf es nach der Coronakrise ankommt.

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Drohen durch das Coronavirus in Österreich Netzausfälle und Blackouts?

„Der Stromverbrauch geht systematisch runter – letzte Woche um zehn Prozent, diese Woche verringert er sich um rund 15 Prozent“, erklärt Christoph Schuh, Unternehmenssprecher des Netzbetreibers Austrian Power Grid (APG). In Wien hat sich der Strombedarf vergangene Woche sogar um 20 Prozent verringert, wie die Wien Energie berichtete. Die Energieversorgung ist damit mehr als abgesichert, doch wie sieht es mit der Netzstabilität aus? Stromverbrauch und -produktion müssen sich stets die Waage halten, damit es nicht zu Netzausfällen kommt. Gefährdet der sinkende Energiebedarf damit die österreichische Netzstabilität?

Virus im Netz?

„Derzeit sind alle Kraftwerke verfügbar, wir haben eine sehr gute Erzeugungssituation. Gleichzeitig sind die Rahmenbedingungen stabil: Es gibt keine Extremwettersituationen und die Regelenergie ist in ausreichendem Maß verfügbar. Aufgrund dieser Situation stehen die Ampeln in ganz Europa auf Grün, der Netzbetrieb ist gesichert“, so Schuh. Völlige Entwarnung gibt der Experte jedoch noch nicht, da man nicht wisse, was in den nächsten zwei Wochen noch passiert: „Hier geht es nicht nur um die Coronakrise, auch ein plötzlicher Wetterumschwung oder Unwetter könnte die Situation verkomplizieren.“ So sorgt starker Schneefall zum Beispiel für Mastknicke oder beschädigte Leitungen. Damit hatte der heimische Netzbetreiber vor allem im vergangenen November stark zu kämpfen, als in mehreren Regionen Tirols Schneestürme massiven Schaden anrichteten und die Mitarbeiter im Dauereinsatz waren. In solchen Fällen wird der Instandhaltungsdienst der APG für die Funktionsstörungsbehebung benötigt. „Dadurch werden plötzlich viele Leute zur Schadensbehebung benötigt und es entsteht ein erhöhtes Kontaktrisiko. Jede Störung bedingt, dass wir unsere Teams mehr nach draußen schicken müssen, was wiederum die Gefahr einer Corona-Infektion erhöht.“ 

© HLK

Bei der APG wurden bereits zu Beginn der Coronavirus-Ausbreitung besondere Sicherheitsmaßnahmen getroffen, die Mitarbeiter vor einer Infektion schützen sollen. Teams wurden aufgesplittet, der Kontakt zwischen den Gruppen wurde stark begrenzt, Abstandsregelungen wurden eingeführt und die Geräte werden jeden Tag desinfiziert. Mit diesem Maßnahmenmix will die APG gut vorbereitet sein, außerordentliche Maßnahmen, wie sie die Wien Energie derzeit durchführt, seien derzeit noch nicht notwendig, meint Schuh. Beim Wiener Energieversorger haben sich vergangene Woche 53 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter freiwillig in Quarantäne in den Kraftwerken begeben, um sich vor COVID-19 zu schützen und im Notfall die Energieversorgung stabilisieren zu können. „Sollte sich die Lage verschärfen, haben aber auch wir stärkere Maßnahmen geplant“, meint Schuh. Derzeit sei die Netzstabilität in Österreich und Europa aber jedenfalls abgesichert, Sorgen um die Stromversorgung müsse man sich nicht machen. 

Ein großer Vorteil ist hier der sukzessive Rückgang des Energiebedarfs. „Die österreichischen Betriebe schließen ihre Werke nicht von heute auf morgen, sondern nach und nach. Somit gibt es keine kurzfristigen Abwürfe, die Kurve geht einfach nur stetig bergab. Das macht die Situation gut managebar“, meint Christoph Schuh.

Krise nach der Krise

Deutlich komplizierter könnte hingegen die Situation nach der Coronakrise werden, meint der Experte. Die APG musste alle Ausbauprojekte unterbrechen, da der Sicherheitsabstand von einem Meter auf einer Baustelle nicht realistisch ist. Auch bei anderen europäischen Netzbetreibern verzögern sich Bauprojekte, damit verschiebt sich der gesamte Ausbauplan. „Der europäische Netzausbau wird aufwendig koordiniert, da die Netzabschaltungen kommuniziert werden müssen“, so Schuh. Für die Koordination wurde ein Abschaltplan erstellt, der den Ländern zeitliche Slots für den Netzausbau und damit verbundene Abschaltungen vorgibt. Durch die Coronakrise können die Termine nicht eingehalten werden, in den nächsten Monaten muss damit ein vollkommen neuer Plan aufgestellt werden. „Im Netzausbau ist es eben nicht wie bei einer Autobahn-Sanierung, wo ich eine Nebenstraße bauen kann, auf die Autofahrer ausweichen können. Im Strombereich gibt es Abspaltungen und damit weniger Kapazität, das muss alles genau geplant werden. Nach Ende der Krise wird die Abschaltplanung von Leitungen ein riesiges Thema“, ist der APG-Sprecher überzeugt. 

Blackoutgefahr in Österreich ist gering

In den Hintergrund gerückt ist derzeit auch das Thema Erneuerbaren-Ausbau. Auch damit wird man sich nach der Coronakrise wieder verstärkt beschäftigen müssen. Bis 2030 soll Österreich laut Bundesregierung zu 100 Prozent mit Ökostrom versorgt werden. Mit dem erhöhten Anteil der Erneuerbaren steigt aber auch die Flexibilität, auf die im Stromnetz reagiert werden muss. Halten sich Stromproduktion und Verbrauch nicht die Waage kann es zu Netzausfällen kommen. Dauern diese länger als ein üblicher Stromausfall an, spricht man von sogenannten Blackouts. Ein Problem, das in Österreich derzeit nicht der Rede wert ist, meint Karl Sagmeister, Country Manager Austria von Schneider Electric: „Bisher konnte bei kleineren Ausfällen noch immer gut eingegriffen werden. Beim Umstieg auf Erneuerbare muss jedenfalls darauf geachtet werden, dass wegfallende und hinzukommende Komponenten ausgeglichen werden. Wenn ich Kraftwerke abschalte, ohne andere stabilisierende Faktoren einzubauen, dann wird es natürlich vermehrt zu Blackouts kommen.“ Planung und Vorsorge müssen hier oberste Priorität haben, meint Sagmeister. 

Außerdem müssen die Modelle neu gedacht werden: Dezentrale Energieerzeugungskonzepte müssen mit eingebunden werden, die Konsumenten müssen zu Prosumern werden. „Auch der Inselbetrieb kleinräumiger Smart Grids mit Netztrennung und eigenen Speichern muss ein Zukunftskonzept sein“, so Sagmeister. Digitale Managementsysteme können diese Smart Grids unterstützen und für eine besser Kommunikation zwischen einzelnen Komponenten sorgen. In Österreich wird das derzeit noch zu wenig berücksichtigt, meint Sagmeister. Positiv sieht er hingegen den fortschreitenden Rollout der Smart Meter: „Die digitalen Stromzähler helfen, mehr Datentransparenz herzustellen und den Energiefluss damit besser steuern zu können.“

Lückenschluss des Stromnetzes muss dringend umgesetzt werden

Bereits vor dem Virus dagewesen und auch weiterhin präsent ist in Österreich vor allem ein Problem: Die Lücke des 380-kV-Rings. Der Lückenschluss der Salzburgleitung muss dringend erfolgen, sind sich Christoph Schuh und Karl Sagmeister einig. „Das ist das Nadelöhr der Energiewende“, meint Schuh gegenüber HLK. Der noch ausständige zweite Abschnitt der Salzburgleitung führt zu einer Lücke im Westen des österreichischen Höchstspannungsnetzes. Der 380-kV-Ring soll das Rückgrat der heimischen Stromversorgung bilden und eine höhere Netzkapazität ermöglichen. „Wenn wir den Ausbau nicht schaffen, wird es keine Energiewende geben“, meint Schuh, zeigt sich aber zuversichtlich: „Das ist glücklicherweise inzwischen auch bei den politischen Entscheidungsträgern angekommen. Für die Salzburgleitung haben wir jedenfalls den Baubeschluss und erste Baumaßnahmen wurden bereits gesetzt. Ist der Ring geschlossen, sind wir mit der starken Windkraft im Burgenland und in Niederösterreich und mit den Pumpspeicherkraftwerken in den Alpen gut auf die Energiewende vorbereitet. Verzögerungen der Projekte sollten wir uns jetzt aber nicht leisten.“

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