Fassadenbegrünung

Vertikaler Wald gegen die Erderwärmung

Energieeffizienz und der Ausbau der Erneuerbaren stehen innerhalb der Energiewende meist im Fokus. Vergleichsweise einfache Lösungen rücken dabei in den Hintergrund – so auch die Fassadenbegrünung. Dabei kann eine grüne Gebäudefassade mehrere Klimaanlagen ersetzen.

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Der italienische Boso Verticale zeigt, wie mit Fassadenbegrünung ein eigenes Mikroklima erzeugt wird.

Grüne Außenwände voll mit Efeu und ähnlichen Gewächsen waren einst als Dekoration gedacht. Heute nennt man das Fassadenbegrünung und nutzt die Pflanzen gezielt, um die Temperatur zu senken und Klimaanlagen zu ersetzen. Genau das soll nämlich laut Christian Härtel von der Wiener Umweltschutzabteilung möglich sein: „Natürlich sind Institutionen wie zum Beispiel Krankenhäuser auch weiterhin auf Klimaanlagen angewiesen. Aber gerade im Wohn- und Bürobereich kann die Fassadenbegrünung die Klimaanlage ersetzen.“

Begrünte Wände für gutes Klima

Es reicht aber nicht, ein, zwei Efeuranken an der Wand hochklettern zu lassen. Jede Fassadenbegrünung ist ein umfassendes Projekt und betrifft im besten Fall nicht nur einzelne Gebäude, sondern ganze Stadtteile. Laut einem Versuch der Universität für Bodenkultur kann die Außentemperatur um bis zu 14 Grad gesenkt werden, wenn alle Straßenfassaden in einem Teil der Stadt begrünt werden. Vor allem schlecht isolierte Gebäude profitieren von der geringeren Außentemperatur. „Wenn sich die Fassade tagsüber aufheizt, strahlt sie nachts weniger Wärme ab. Dadurch steht die Luft in den engen Straßen nicht mehr und eine angenehm kühle Brise kann in die Wohnung wehen. Bei einem gut isolierten Passivhaus am Land wird eine Fassadenbegrünung nicht viel bringen. Aber gerade bei älteren Gebäuden und in der Stadt lohnen sich die Pflanzen“, so der Experte.

Die Stadt Wien fungiert hier als Vorreiter und hat einige Gebäude bereits mit einer Fassadenbegrünung ausgestattet. So zum Beispiel das Bezirksamt Margareten im 5. Wiener Gemeindebezirk. Dort ranken sich drei verschiedene Arten von Kletterpflanzen die Fassade empor und sorgen so für kühle und befeuchtete Luft in der Umgebung. Gleichzeitig binden begrünte Flächen auch CO2, wodurch das städtische Mikroklima verbessert werden kann. Außerdem bringen die Pflanzen einen netten Nebeneffekt mit sich: Sie schützen vor ungewünschten Graffitis. 

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Wien als Vorreiter

Die Stadt Wien hat nun im Rahmen des Projekts „50 Grüne Häuser“ das Rankmodell BerTA entwickelt, das Fassadenbegrünungen einfacher, effizienter und kostengünstiger machen soll. Damit werden erstmals klare Vorgaben für die richtige Fassadenbegrünung gegeben. Insgesamt ist Wien im Bereich Grünflächen europaweiter Vorreiter, wie ein aktuelles Grünraum-Monitoring zeigt. Der Grünraumanteil im gesamten Stadtgebiet liegt bei 53 Prozent. „Die begrünten Fassaden, Dächer und Innenhöfe regulieren das städtische Mikroklima. Das verbessert das Arbeitsklima in den Büros, weil die Räume im Sommer länger kühl bleiben. Denn eine Grünwand mit 850 Quadratmeter Fläche kühlt an einem heißen Sommertag in etwa so viel wie 75 Klimageräte mit 3000 Watt Leistung und acht Stunden Betriebsdauer“, so Umweltstadträtin Ulli Sima. 

Fassadenbegrünung in den Nachbarländern

Nicht nur in Österreich sind grüne Fassaden beliebt, Projekte mit bepflanzten Wänden sind auch international zu finden. In Mailand wurden gar die Zwillingstürme eines Hochhauskomplexes mit einer Vielfalt an Pflanzen bestückt. Bosco Verticale, zu deutsch vertikaler Wald, nennt sich das Projekt des italienischen Architekten Stefano Boeri. Die Türme sind 110 Meter und 80 Meter hoch und umfassend mit Pflanzen begrünt. 

Bei Kletterpflanzen hören die Möglichkeiten für Fassadenbegrünung für das Stuttgarter Startup Visioverdis noch lange nicht auf. Das junge Unternehmen pflanzt Bäume an Außenwände – waagrecht. Dabei wird in ein feststehendes Fassadenelement, GraviPlant genannt, ein Baum gepflanzt. Das Element sorgt automatische für die notwendige Pflanzenversorgung und dreht die Pflanze regelmäßig. Durch die Rotation wächst der Baum horizontal weiter und hält so Hitze und Schall von der Fassade ab. „Der GraviPlant ist unsere grüne Antwort auf die Folgen des Klimawandels und die schnell wachsenden Städte“, so Biologin und Visioverdis-Geschäftsführerin Alina Schick. Für das Startup bieten vor allem Großstädte einen geeigneten Markt, allen voran die Megastädte in Asien. 

Hinderliche Bürokratie

Gerade in der Stadt scheitern grüne Fassadenprojekte aber häufig an den Gegebenheiten. „In der Stadt ist die Fassadenbegrünung häufig mit vielen Bewilligungen verbunden. Wenn man ein Stück Asphalt aufreißen muss, um die Pflanzen einsetzen zu können, muss dafür natürlich eine Bewilligung eingeholt werden. Alternativ können auch Tröge aufgestellt werden, aber auch dafür braucht es das Einverständnis der Behörden“, erklärt Christian Härtel. Die Tröge müssen meist auf Gehsteigen platziert werden. Da diese jedoch eine gewisse Mindestbreite einhalten müssen, ist oft kein zusätzlicher Platz für Pflanzen gegeben. 

Um den Prozess etwas zu erleichtern, hat die Stadt Wien einen Leitfaden für die richtige Umsetzung der Fassadenbegrünung erstellt. Darin wird auch aufgeschlüsselt welche Pflanzen sich für welchen Fassadentyp eignen. Demnach muss bei der Fassadenbegrünung vor allem auf die Vertikal- und Horizontallasten der Begrünungssysteme geachtet werden. Durch geeignete Unterkonstruktionen muss die Last gut verteilt werden, damit die Fassade eine ausreichende Tragfähigkeit aufweisen kann. Werden die vorgeschlagenen Maßnahmen des Leitfadens umgesetzt und notwendige Bewilligungen eingeholt, kann sich der Efeu mühelos an den städtischen Gebäudefassaden emporranken und das Stadtklima deutlich verbessern.