Branchentalk von Energie.Wärme.Österreich (EWO) : Flüssige (erneuerbare) Energieträger bleiben unverzichtbar
Experten informierten im Parlament über (erneuerbare) flüssige Energieträger (v. l.): Peter Aberer (EWO), Hans Jörg Einfalt (EWO), Ewald-Marco Münzer (Münzer Bioindustrie), Anian Gruber (Binder Grösswang Rechtsanwälte), Karl Rose (Energie Steiermark AG, Karl-Franzens-Universität), Bettina Mayer-Toifl (EWO), Rainer Klöpfer (Shell Austria GmbH), Uwe Grebe (TU Wien), Martin Reichard (EWO).
- © HLK/ E. HerrmannDie Wichtigkeit flüssiger Energieträger (Heizöl, erneuerbares Heizöl, Diesel, HVO, HVO100, eFuel, Benzin, Ethanol, E85, Bio-Diesel, B10, FAME,…) und ihre Rolle als erneuerbare Varianten jetzt und in Zukunft wurden beim hochkarätig besetzten Branchentalk von EWO (Energie.Wärme.Österreich) am 9. Juni 2026 im Restaurant Kelsen im Parlament in Wien diskutiert. Führende Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Recht berichteten über die Chancen und Herausforderungen erneuerbarer flüssiger Energieträger für Mobilität und Raumwärme. Die zentrale Botschaft der Veranstaltung: Für eine sichere, leistbare und klimafreundliche Energieversorgung werden flüssige Brenn- und Kraftstoffe auch künftig eine wichtige Rolle spielen.
„Flüssige Energieträger sind aufgrund ihrer hohen Energiedichte der beste Langzeit-Energiespeicher und bestens transportier- und lagerfähig“, betonte EWO-Vorstandsvorsitzende KR Bettina Mayer-Toifl in ihren Eröffnungsworten. „Ohne flüssige Brenn- und Kraftstoffe wird es daher nicht gehen – sei es in der Raumwärme, der Landwirtschaft, im Schwerverkehr, bei Feuerwehr, Rettung, Polizei, Bundesheer oder zum Betrieb von Notstromaggregaten im Krisenfall; und sowieso im Flug- und Schiffsverkehr!"
Für den Einsatz klimafreundlicher flüssiger Brenn- und Kraftstoffe aus erneuerbaren Quellen auf breiter Ebene sind verlässliche gesetzliche Rahmenbedingungen sowie Investitions- und Planungssicherheit notwendig. Genau diese Rechts- und Planungssicherheit fordert Mayer-Toifl von der Politik.
Mobilität braucht mehrere Lösungen
Prof. Karl Rose, Aufsichtsratsvorsitzender der Energie Steiermark AG und Lehrender an der Karl-Franzens-Universität, sprach sich für „einen technologieoffenen Zugang“ zur Dekarbonisierung des Verkehrs aus. „Neben Elektromobilität sind nachhaltige Flüssigkraftstoffe und grüner Wasserstoff unverzichtbar“, erläutert er und begründete dies unter anderem mit der erneuerbaren Stromproduktion und dem notwendigen Ausbau der Stromnetze, die der Verbreitung elektrisch betriebener Fahrzeuge hinterherhinken. Als vielversprechende Optionen nannte er Kraftstoffe aus Abfall- und Reststoffen oder aus Algen, die nahezu CO₂-neutral hergestellt werden können.
Prof. Rose lieferte einen pragmatischen, interessanten Status Quo und Ausblick:
- Der Verkehrssektor, der rund 30 % des gesamten Energieverbrauchs ausmacht, benötigt massive Investitionen in die Infrastruktur für Elektrofahrzeuge sowie in Biokraftstoffe und Wasserstoff.
- Europa dominiert keinen einzigen Energiepfad für den Verkehr – weder fossile noch alternative Energieträger
- Firmen werden noch eine Weile mit hoher Unsicherheit konfrontiert sein. Strategien müssen dies berücksichtigen.
- Es kann gefährlich sein, sich vermeintliche Technologiegewinner herauszusuchen und dabei die Kraftstoffseite außer Acht zu lassen. Elektromobilität ohne erneuerbaren Energiemix im Stromsektor ist nicht nachhaltig.
- Insgesamt scheint Elektromobilität ein „safe bet“ zu sein, da sie sowohl von China, als auch der EU und den USA vorangetrieben wird. Der Zeitverlauf des Umstiegs wird jedoch regional stark variieren.
- Die Frage der dafür notwendigen immensen Investitionen muss allerdings noch beantwortet werden.
- Elektromobilität wird noch lange nicht die einzige Lösung sein können. Erneuerbare, flüssige Kraftstoffe werden einen sehr wesentlichen, in einigen Regionen der Welt sogar dominanten, Beitrag zur Energiewende leisten müssen.
Anm. d. Red.: Dass es in Europa (auch in Österreich) seit geraumer Zeit z. B. den synthetischen Kraftstoff HVO 100 zu tanken gibt, mit dem Diesel-Fahrzeuge nahezu CO2-neutral unterwegs sein können, sei an dieser Stelle erwähnt; hier gelangen Sie zu einer geografischen Karte, die HVO 100-Tankstellen in Europa gut auflistet.
Erneuerbare Flüssigenergie für Verkehr und Wärme
Wie ein globaler Energiekonzern den Weg zum Netto-Null-Unternehmen bei den Treibhausgas-Emissionen bis 2050 beschreitet, skizzierte Shell-Austria-Geschäftsführer Rainer Klöpfer. „Dabei sehen wir es als unsere Verantwortung, Energie für Mobilität, Industrie und Wärmeversorgung zuverlässig und bezahlbar bereitzustellen und zugleich konsequent an einer emissionsarmen Zukunft zu arbeiten.“
Bereits heute produziert Shell Biokraftstoffe für Fahrzeuge, Sustainable Aviation Fuels (SAF) für die Luftfahrt sowie erneuerbares Heizöl für den deutschen Markt (Shell Renewable Heating Oil). Letzteres kann über den Lebenszyklus hinweg eine signifikante Reduktion der CO₂-Emissionen gegenüber fossilem Heizöl ermöglichen - abhängig von eingesetzten Rohstoffen und Produktionsprozessen.
Handlungsbedarf bei gesetzlichen Rahmenbedingungen
Als ausgewiesener Experte für regulatorische Fragen im Bereich erneuerbarer Energien ordnete Dr. Anian Gruber, Counsel bei Binder Grösswang Rechtsanwälte GmbH, die Rechtslage rund um flüssige erneuerbare Energieträger (Biokraftstoffe, E-Fuels, RFNBOs) ein und erläuterte die Bestimmungen der RED III, die auf EU-Ebene bis 2030 einen verbindlichen Anteil erneuerbarer Energien von 42,5 % vorsieht.
Für Österreich identifizierte er klaren Anpassungsbedarf: Zur Umsetzung der RED III im Bereich flüssiger erneuerbarer Energien sind Novellierungen einschlägiger Vorschriften erforderlich, etwa der Kraftstoffverordnung (KVO). Für die vollständige Implementierung plädiert Dr. Gruber für eine praktikable Ausgestaltung ohne Gold Plating, um Unternehmen verlässliche Rechtssicherheit zu geben.
Energiebedarf wird weiter steigen
Dass sich der Energieverbrauch in Zukunft deutlich reduzieren könnte, hält Prof. Uwe Grebe für eine Illusion. „Szenarien der Internationalen Energieagentur sehen sogar einen Anstieg um rund 20 Prozent bis zum Jahr 2050, unter anderem weil ärmere Staaten bei Wohlstand und Bildung aufholen. Die Energieträger zu de-fossilisieren ist die wichtigste Aufgabe“, erläuterte der Vorstand des Instituts für Fahrzeugantriebe und Automobiltechnik an der Technischen Universität Wien.
Sonnen- und Windenergie sei im Überfluss vorhanden. „Das Problem ist nicht die Verfügbarkeit, sondern die Ernte, Speicherung und Verteilung.“ Dafür wiederum würde sich die Umwandlung in flüssige und gasförmige Energieträger anbieten. Gerade flüssige Kraftstoffe brauche es dort, wo dezentral hoher Energiebedarf anfällt, etwa im Fall von Baumaschinen. Während die EU über weite Strecken einen All-Electric-Ansatz verfolgt, gehe China technologieoffener mit den Herausforderungen der Energiewende um: „Dort wurde von Experten und der Industrie gemeinsam eine industrieweite Roadmap erstellt, die Zielsetzungen für jede Technologie und jeden Energieträger formuliert.“
Österreichische Kreislaufwirtschaft als Erfolgsmodell
Ewald-Marco Münzer, Geschäftsführer der Münzer Bioindustrie GmbH, ist Experte für die Verarbeitung gebrauchter Speisefette und Altspeiseöle zu Biodiesel und Biomethan. Sein Unternehmen habe dadurch bereits zur Einsparung von rund 30 Millionen Tonnen CO₂ im österreichischen Verkehrssektor in den letzten zwei Jahrzehnten beigetragen.
Das Credo von Ewald-Marco Münzer: „Ergänzen statt ersetzen.“ Durch steigende Beimengung erneuerbarer Anteile werden flüssige Kraftstoffe fossilen Ursprungs klimafreundlicher. Für Münzer ist daher die Anhebung der Biodieselbeimischung von B7 (Kraftstoff mit sieben Prozent Biodiesel) auf B10 der nächste logische Schritt, um die Versorgungssicherheit zu stärken und den Verkehrssektor schneller zu dekarbonisieren. Dafür braucht es jetzt laut Münzer eine rasche und mutige politische Entscheidung. „Ich könnte mir auch Dreier-Blends aus B10, HVO und fossilem Anteil vorstellen,“ so Ewald-Marco Münzer.
Dass die Nutzung abfallbasierter Rohstoffe derzeit gedeckelt ist, ist für ihn nicht nachvollziehbar: „Wir könnten wesentlich mehr erneuerbare Flüssigenergie produzieren, wenn diese Regelung fallen würde.“ Auch brauche es eine harmonisierte Prüfpraxis für Zertifizierungen von erneuerbaren Brenn- und Kraftstoffen auf europäischer Ebene.
Flüssige Energieträger als Teil der Lösung
EWO (Energie.Wärme.Österreich) setzt sich in allen Anwendungsbereichen nachdrücklich für flüssige Energie ein – und im Sinne der gesamten Wertschöpfungskette vom Produzenten über den Energiehändler bis hin zum Verbraucher.
In seinem Fazit resümierte EWO-Geschäftsführer Martin Reichard: „Die Energiewende wird nur mit einem technologieoffenen Ansatz gelingen. Erneuerbare, flüssige Energieträger leisten dabei einen wichtigen Beitrag - zu Versorgungssicherheit, Ressourcenschonung und einer leistbaren Energieversorgung.“
Auch für die Raumwärme wird von EWO ein technologieoffener Ansatz gefordert, bei dem erneuerbare flüssige Brennstoffe ergänzend zu anderen Heiztechnologien eingesetzt werden können.
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