Job-Meister Gewerbe & Handwerk

Betriebe sind stabilster Arbeitsmarkt-Faktor und benötigen dringend Entlastungsmaßnahmen

Den dringenden Appell, den größten Arbeitgeber im Land (das Gewerbe & Handwerk) zu entlasten, richtet WKO-Bundesobfrau R. Scheichelbauer-Schuster an die Bundesregierung. KMU Forschung Austria präsentierte dazu besorgniserregende Daten aus dem Gewerbe & Handwerk.

Unternehmen

Appellierten an die Bundesregierung, das

Gewerbe & Handwerk zu entlasten und deuten darauf hin,

was dafür dringend wichtig wäre und ist (v. l.): Dr. Walter Bornett,

Direktor der KMU Forschung Austria;

Ing. Renate Scheichelbauer-Schuster, Obfrau

der Bundessparte Gewerbe und Handwerk in der WKÖ;

Prof. Dr. Reinhard Kainz, GF der Bundessparte

Gewerbe und Handwerk in der WKÖ.

Bild: HLK/Herrmann

„Nicht nur die Hitze sondern auch die Konjunktur drückt auf die heimischen Gewerbe- und Handwerksbetriebe: Nach dem schwachem Jahresbeginn 2015 brachte auch das 2. Quartal keine Erholung und für das laufende 3. Quartal befürchten die Unternehmerinnen und Unternehmer weitere Rückgänge“, betonte die Obfrau der Bundessparte Gewerbe und Handwerk, Renate Scheichelbauer-Schuster, am 8. Juli 2015 bei einer eigens anberaumten Pressekonferenz. Das heißt, die Ausgangssituation für die Betriebe wird nicht besser, die Konjunktur stagniert und die erhofften Effekte der Steuerreform lassen noch rund ein Jahr auf sich warten. Fakt ist aber, so die Bundesspartenobfrau, dass Gewerbe und Handwerk der stabilste Faktor am heimischen Arbeitsmarkt ist: „Unsere Betriebe sind Job-Meister! 2014 wurden trotz schwieriger Rahmenbedingungen 14.000 neue Arbeitsplätze geschaffen.“

Gewerbe & Handwerk: DIE Job-Maschine in Österreich

Österreichs Gewerbe und Handwerksbetriebe sind verlässliche Partner und starke Anker in den Regionen, denn sie sichern Arbeitsplätze und Wertschöpfung. Damit sind die heimischen Unternehmen die Wirtschaftsdrehscheibe: Denn Gewerbe- und Handwerksbetriebe sind klare Nummer eins mit 230.000 Mitgliedsbetrieben, 720.000 Mitarbeitern (m/w) und rund 50.000 Lehrlingen. Auch mehr als die Hälfte der Start-ups kommt aus dieser Sparte.

Gewerbe und Handwerk könnten aber noch mehr für den heimischen Arbeitsmarkt leisten: Mit klugen Entlastungsmaßnahmen und damit verbunden einem Anspringen der Konjunktur wären in den kommenden zehn Jahren, also bis 2025, rund 220.000 neue Jobs möglich. „Die Berechnungen der KMU Forschung Austria zeigen, dass bei einem Wirtschaftswachstum von etwa 3 Prozent diese Zahl zu erreichen ist. Bei einem derzeit realistischen Konjunkturplus von einem Prozent liegen wir bei einem prognostizierten Job-Plus von etwa 60.000“, so Scheichelbauer-Schuster. Deshalb fordert die Spartenobfrau, dass die Bundesregierung dringend und bald etwas für das Gewerbe & Handwerk tut, denn der Sparte gehe es derzeit nicht gut.

Wohnbauoffensive und Lohnnebenkostensenkung jetzt umsetzen!

Mit dem Bewusstsein, dass „die budgetären Spielräume eng geworden sind“, gelte es, kluge Entlastungsmaßnahmen zu setzen. Jetzt abzuwarten, wäre kontraproduktiv. Deshalb habe die Sparte ganz klar eine rasche Umsetzung der Wohnbauoffensive im Fokus sowie eine Lohnnebenkostensenkung bis 2020. „Der Bedarf an Wohnungen ist da, Bau und Baunebengewerbe sind Konjunkturtreiber d.h. wir erwarten uns klarerweise auch positive Effekte am Arbeitsmarkt“, betont die Bundesspartenobfrau. Mit dem Bau von zusätzlichen 30.000 Wohnungen (ca. 6.000 Wohnungen jährlich) würde ein Volumen von insgesamt 5,75 Mrd. Euro investiert. Im Bereich der Lohnnebenkosten-Senkung des Unfallversicherungsbeitrages, des Beitrages zum Familienlastenausgleichsfonds (FLAF), Wohnbauförderungsbeitrages, des Beitrags zur Insolvenz-Entgeltsicherung (IESG) und der Kommunalsteuer – könnten bei einem Volumen von 5 Mrd. Euro gesamtwirtschaftlich 30.000 dringend benötigte und zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden.

Auf die Frage der HLK, inwieweit die „Registrierkassen-Pflicht, Energieeffizienz-Gesetz oder Anlagen-Genehmigungs-Erschwernisse“ das Gewerbe & Handwerk zusätzlich belaste, meinte Scheichelbauer-Schuster: „Wir unterstützen viele Ziele der Bundesregierung – sie sind meist ehrenwert und richtig. Aber die Art und Weise, wie manches dann praktisch umgesetzt wird, belastet oftmals unsere Betriebe. Die Rolle der Unternehmen wird viel zu wenig gewürdigt“!

Stimmungsbarometer im negativen Bereich

Das Stimmungsbarometer der heimischen Betriebe im Gewerbe & Handwerk sei jedenfalls „weiterhin schlecht“, unterstrich der Direktor der KMU Forschung Austria, Walter Bornett, bei der Pressekonferenz. Im 2. Quartal 2015 liege man zwar gegenüber dem 1. Quartal geringfügig besser, bleibe aber deutlich im negativen Bereich. Verglichen mit dem 2. Quartal des Vorjahres ist der Anteil der Betriebe mit einer guten Geschäftslage von 21 % auf 16 % zurückgegangen, während der Anteil der Betriebe mit schlechter Geschäftslage von 23 % auf 29 % gestiegen ist.

In den investitionsgüternahen Branchen sank der Auftragsbestand um 3,8 % und 58 % der Betriebe kämpfen mit Auslastungsproblemen. Überdurchschnittliche Rückgänge meldeten z. B.: Sanitär-/Heizungs- und Lüftungstechniker (-19,6 %), Kunststoffverarbeiter (-17,1 %) oder das Bauhilfsgewerbe (-12,9 %). Im konsumnahen Bereich verzeichneten mehr als doppelt so viele Betriebe Umsatzrückgänge als Umsatzsteigerungen und auch hier verlief das 2. Quartal schlechter als im Vorjahr.

Für das 3. Quartal erwarten lediglich 15 % der Unternehmerinnen und Unternehmer eine Verbesserung, 23 % befürchten hingegen weitere Rückgänge.

Trotz schlechter Lage: Betriebe halten Personal

Erfreuliche Aspekte werden, so Bornett, von den – wenn auch wenigen – Betrieben mit guter Auftragslage, vermeldet: 22 % beabsichtigen ihren Personalstand um 22 % zu erhöhen und 78 % werden versuchen, den Beschäftigtenstand trotz schwacher Nachfrage zu halten. Lediglich 7 % der Unternehmen befürchten, Personal abbauen zu müssen. Insgesamt liegt der Personalbedarf damit sogar etwas über dem Vergleichswert aus dem Vorjahr und das Gewerbe und Handwerk stellt einmal mehr seine stabilisierende Wirkung für den Arbeitsmarkt unter Beweis.

Flächendeckende Potenzialanalyse und frühe Berufsorientierung

Das Gewerbe & Handwerk ist nicht nur Jobmeister sondern auch Ausbildungs-Meister: 2014 wurden 42,7 % oder knapp 50.000 Lehrlinge in Unternehmen der Sparte ausgebildet. Keine andere Sparte bildet mehr junge Menschen aus. Die Weiterentwicklung der dualen Berufsbildung ist dem Gewerbe und Handwerk daher eines der wichtigsten Anliegen. „Angesichts des Handlungsbedarfs bei Konjunktur und Arbeitsmarkt dürfen wird auf Maßnahmen im Bereich der Qualifizierung nicht vergessen. Diese gehen Hand in Hand. Je frühzeitiger wir Berufsorientierung und Berufsberatung sicherstellen, desto zielsicherer können wir die Potenziale der Fachkräfte von morgen entwickeln!“, so Scheichelbauer- Schuster.

Auf der Agenda der Bundessparte Gewerbe & Handwerk ist daher eine rasche flächendeckende Einführung einer verpflichtenden Potenzialanalyse, damit Berufsorientierung und Bildungsberatung Hand in Hand gehen. Die Berufsbildung soll möglichst früh in allen Schularten im Rahmen eines eigenen Unterrichtsfaches angeboten werden. „Gleichzeitig gilt es, die Bildungsstandards mit Abschluss der Schulpflicht zu gewährleisten, sodass jeder Jugendliche, der seine Schulpflicht erfüllt hat, rechnen, schreiben und sinnerfassend lesen kann. Nur wenn wir umfassend im Bereich der Qualifizierung ansetzen, können wir den Fachkräftenachwuchs von morgen sicherstellen“, so Scheichelbauer-Schuster abschließend.