Meinung

Wenn der Klimawandel die Weinkultur bedroht

Die Franzosen sind besorgt, denn ihr geliebter Bordeaux ist in Gefahr. Zu reife Trauben verschandeln den Geschmack des edlen Tropfens und Schuld daran soll der Klimawandel sein. Die Politik tangiert das Wein-Problem wenig und auch weitere Auswirkungen des Klimawandels bewegen die Regierungen nicht zu schnellerem Handeln. Unternehmen sollten nicht länger auf die Politik warten und selbst handeln.

Der Wein der Zukunft schmeckt nicht gerade vielversprechend.

Bestimmt und von ihrem Tun überzeugt trat ein Kollektiv an französischen Journalisten auf der vergangenen COP24 auf die Bühne, denn sie machen sich große Sorgen um ein wesentliches Merkmal Frankreichs: Den Bordeaux. Dicht, wenig elegant und mit einem trockenen Abgang, so schmeckt der Wein der Zukunft – zumindest, wenn der Klimawandel weiter in rasendem Tempo voranschreitet. Unter dem Namen Bordeaux 2050 haben französische Journalisten, Wissenschaftler und Önologen einen Wein produziert, der feine Rotwein-Gaumen auf den Geschmack des Bordeaux der Zukunft vorbereiten soll. Der Anstieg der globalen Temperatur bringt nicht nur lange Trockenperioden, sondern auch plötzlichen Starkregen und damit Überflutungen mit sich. Umstände unter denen guter französischer Wein keine Chance hat.

https://youtu.be/-n2xP37UPLU

Nun mag die Rettung des Bordeaux nicht unbedingt das Leitthema der Rettung des Klimas sein, dennoch macht die Aktion Bordeaux 2050 auf eine wichtige Tatsache aufmerksam: Die Klimakatastrophe steht bereits vor der Tür. Der Klimawandel ist nichts was wir auf andere Länder oder Kontinente abwälzen können, er ist omnipräsent. Die globale Mitteltemperatur ist seit der vorindustriellen Zeit um mehr als ein Grad gestiegen. Vor allem in der Landwirtschaft ist das spürbar: Lange, trockene Sommer und wenig Niederschlag führen zu einem geringeren Ernteertrag. Im Ackerbau kam es vergangenes Jahr zu Ernteverlusten von zehn bis 15 Prozent. Der österreichischen Weinkultur könnte das stark schaden, denn Witterungsschwankungen wirken sich unmittelbar auf die Menge und Qualität des heimischen Weines aus. Was wäre ein Österreich ohne seine ausgeprägte Spritzwein-Kultur?

Klimawandel vs. Klimakatastrophe

Umweltministerin Elisabeth Köstinger behauptet in Anbetracht des vergangenen Sommers: "Spätestens nach dem Dürresommer ist jedem klar, dass der Klimawandel stattfindet." Das mag sein, aber wird er auch von allen ernst genommen? Das Linzer Market-Institut führte dazu im vergangenen Herbst eine Umfrage durch. Demnach zeigt sich nur jeder siebte Österreicher wirklich besorgt, zumindest 60 Prozent der Befragten haben etwas Angst vor den Auswirkungen des Klimawandels. Zu den Klimawandelleugnern zählen vor allem Männern: Sie zeigen sich überdurchschnittlich oft gänzlich unbeeindruckt von der Thematik. Erschreckend ist außerdem, dass 21 Prozent der Österreicher nicht glauben, dass der Klimawandel ein Ergebnis menschlicher Handlungen ist, sondern, dass es sich dabei um den Lauf der Natur handelt.

Einen möglichen Grund für diese Faktenferne sieht die schwedische Klimaaktivistin und Fridays for Future-Gründerin Greta Thunberg in unserem Sprachgebrauch: „Es ist 2019. Können wir bitte aufhören ‚Klimawandel‘ zu sagen und es stattdessen nennen was es ist: Klimazusammenbruch, Klimakrise und Klimakatastrophe?“, twitterte die 16-jährige kürzlich.

© Twitter / Greta Thunberg

Die Kulturwissenschaftlerin Eva Horn sieht das Problem in der Langwierigkeit des Klimawandels: „Für den Menschen ist der Klimawandel etwas sehr Abstraktes und dadurch schwer Vorstellbar. Es gibt nicht einfach ein Ereignis, sondern es handelt sich um einen schleichenden und weitläufigen Prozess“, erklärt sie in einem Interview mit HLK. Den Begriff „Wandel“ findet Horn zwar treffend, allerdings wird er häufig mit positiven Ereignissen verbunden: „Dass das Wort teilweise positiv asoziiert ist, liegt vor allem an der Politik, weil diese oft von einem Wandel gemeinsam mit Verbesserungen spricht.“

Gewinnbringende Klimakrise

Positiv wollen den Klimawandel nun auch OMV, Novomatic, Raiffeisen Niederösterreich und dem Flughafen Wien behaften. Die Unternehmen suchen nach journalistischen Beiträgen, die die positiven Seiten des Klimawandels beleuchten. Der beste Artikel soll mit einem eigenen Journalistenpreis ausgezeichnet werden. Die Aktion steht unter dem Motto „Klimawandel – nur zum Fürchten?“. Ja, der Klimawandel ist zum Fürchten.

Wasser und Ambitionen sind knapp

Die Auswirkungen sind bereits klar spürbar, nicht nur in der Landwirtschaft. Im vergangenen Sommer kam es in mehreren Regionen Österreichs zu Trinkwasserknappheit. So zum Beispiel im oberösterreichischen Aigen-Schlägl, wo den Einwohnern das Bewässern von Rasen, Sträuchern und Bäumen sowie das Autowaschen untersagt wurde, da zu wenig Trinkwasser vorhanden ist. Und auch im Niederösterreichischen Dobersberg mussten die Menschen auf saubere Autos verzichten.

Mit allen Wassern gewaschen ist hingegen die Politik, zumindest wenn es um das Hinauszögern notwendiger Maßnahmen geht. In Deutschland diskutieren die Parteien über die Einführung einer CO2-Steuer, die längst überfällig ist, und in Österreich ruht sich die Politik seit Jahren auf dem ohnehin schon hohen Anteil sauberer Energie aus. Das beweist die österreichische Regierung mit der kürzlich präsentierten Steuerreform, in der entscheidende Reformen, die die ökosoziale Steuerreform voranbringen würden, zur Gänze fehlen. Für Österreich könnte das teuer werden, wie Elisabeth Köstinger nun zugab. Durch die fehlenden Klimaambitionen und den hohen CO2-Ausstoß seien mehr Zertifikate nötig als angenommen. Laut Umweltministerium sollen somit zwischen 2021 und 2030 rund 1,3 bis 6,6 Milliarden Euro für den Kauf von CO2-Zertifikaten anfallen.

Selbst ist das Unternehmen

Einige Unternehmen warten deshalb nicht länger auf politische Maßnahmen, sondern handeln selbst. So verkündete der Technik-Anbieter Bosch diese Woche, dass das Unternehmen bis 2020 CO2-neutral werden soll. Alle 400 Bosch-Standorte weltweit – von der Entwicklung über die Produktion bis zur Verwaltung – sollen dann keinen CO2- Fußabdruck mehr hinterlassen. Industrieunternehmen wie Bosch haben großen Einfluss auf die Gestaltung einer weitgehend klimaneutralen Gesellschaft. Rund 32 Prozent der weltweiten Kohlendioxid- Emissionen entfallen laut Internationaler Energieagentur auf die Industrie. Aktuell stößt Bosch rund 3,3 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr aus. Seit 2007 hat das Unternehmen seinen CO2-Ausstoß bereits um fast 35 Prozent gesenkt „Wir übernehmen Verantwortung für den Klimaschutz und handeln deshalb jetzt“, so Volkmar Denner, Vorsitzender der Geschäftsführung bei Bosch.

Auch in der Politik wird das Bewusstsein für den dringenden Handlungsbedarf größer, wenn auch nur langsam. Deutschland will seine Klimaschutzziele nun mit einem Klimakabinett festigen und die österreichische Bundesregierung plant die Steuerreform noch um einige Umweltaspekte zu ergänzen. Bis es aber wirklich zur Umsetzung konkreter Maßnahmen kommt, hilft eins: Abwarten und Wein trinken – solange es ihn noch gibt.

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