Zögern, Zaudern, Zahlen

Warum KMUs endlich auf Gewerbespeicher setzen sollten

Energiespeicher sind in Privatgebäuden längst angekommen, im Gewerbe werden sie noch zögerlich eingesetzt. Warum sich das dringend ändern sollte und welche Chancen sich die kommenden Jahre für Speicher-Anbieter ergeben.

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Gewerbespeicher können sich bereits nach vier Jahren amortisieren und bieten für Unternehmen großes Potenzial zur Energiekostensenkung.

Wenn beim Bäcker nebenan morgens die Backöfen hochgefahren werden, geht damit nicht nur der Hefeteig in die Höhe, auch der Stromverbrauch steigt – und das kann teuer werden. Der benötigte Strom muss kurzfristig abgerufen werden, es entstehen sogenannte Lastenspitzen, es wird also besonders viel Strom verbraucht. Diese Lastenspitzen sind für den Stromanbieter schwer zu bewerkstelligen, was am Ende des Monats deutlich wird. Schon eine einzige Lastenspitze kann dazu führen, dass die Stromrechnung dauerhaft erhöht wird. 

Der Energiespeicher-Anbieter Intilion mit Sitz in Paderborn hat sich deshalb auf die Produktion von Gewerbespeichern spezialisiert, die im kleinen bis mittleren Gewerbe sowie in landwirtschaftlichen Betrieben und der Hotellerie zum Einsatz kommen. Scale Bloc nennt sich das modulare System, das Intilion anbietet. „Bis zu 16 Scale Blocs können miteinander verschalten werden, damit wird eine Kapazität von knapp einem Megawatt ermöglicht“, so Intillion-Manager Matthias Giller. Die Basis des Speichers besteht aus einem 68,5 Kilowattstunden großen Lithium-Ionen-Batteriesystem. Die Batteriemodule sind durch spezielle Brandschutzracks gegen Brand und Explosion geschützt – das soll den Energiespeicher besonders sicher machen. 

https://youtu.be/vi0wMJLA8JY

Autark im April

Intilion, ein Spin off des Energiesystem-Anbieters Hoppecke Batterien, ist dabei jedoch längst nicht das einzige Unternehmen, das das Gewerbe für sich als Zielgruppe entdeckt hat. Neben Intilion bietet beispielsweise auch die badem-württembergische Varta Gewerbespeicher an. Mit Varta Flex Storage hat das Unternehmen sein Portfolio erweitert und seinen ersten Gewerbespeicher bereits 2017 präsentiert. Der Messtechnik-Anbieter Escatronic, einer der ersten Kunden, zieht nach gut einem halben Jahr eine positive Bilanz: „Durch unser Varta flex storage P System mit einer Leistung von 36 Kilowatt und einer Kapazität von 52 Kilowattstunden, können wir unsere Eigenverbrauchsquote und Autarkiequote maximieren“, sagt Michael Rudolph, Gesellschafter von Escatronic. Das Unternehmen erreichte damit innerhalb kürzester Zeit Autarkiequote von 90 Prozent. Das Varta-System ist ebenfalls modular und sorgt damit für kundenspezifische Lösungen in KMUs. Das Leistungsspektrum des AC-gekoppelten Varta Flex Storage Systems reicht von 20 Kilowatt bis 500 Kilowatt, aber auch Anlagen im Megawatt-Bereich sind möglich. Das Speichermodell Flex Storage P hat eine nutzbare Speicherkapazität von 26 bis 260 Kilowattstunden, beim Modell E liegt diese zwischen 75 und 750 Kilowattstunden. Je nach Anforderung ist die Leistung kaskadierbar.

Am österreichischen Markt zählt der Freistädter Anbieter Neoom, ehemals W&Kreisel, mit dem Speicher Blokk zu den bekanntesten Anbietern. Ähnlich wie Scale Bloc ist auch der Blokk-Energiespeicher ein skalierbares Komplettsystem, bestehend aus Batteriespeicher und intelligenter Lademanagement-Software. Gefragt sind die Gewerbespeicher vor allem, weil mit ihnen eine Stromkostenreduktion erreicht werden kann. Im Gewerbe sind durch Geschäftsstellen und Lagerhallen häufig große Dachflächen vorhanden, die sich ideal für die Eigenstromproduktion mittels Photovoltaik eignen. Damit Lastenspitzen abgedeckt und der Eigenverbrauchsanteil maximiert werden können, setzen Unternehmer auf Energiespeicher. Nach rund vier bis acht Jahren hat sich der Großspeicher amortisiert, gleichzeitig wird der Anteil an erneuerbarer Energie im Unternehmen erhöht. Eine unabhängige Stromversorgung garantiert außerdem Ausfallsicherheit – eine nahtlose Produktion ist damit auch bei Problemen im Stromnetz gesichert.

https://youtu.be/a8xg9VHsZFs

Deutscher Batterie-Markt

3,1 Milliarden Euro erwirtschafteten die deutschen Hersteller von Batterien und Akkumulatoren alleine im Jahr 2018. Zum Vergleich: 2009 wurden nur rund 1,6 Milliarden Euro erwirtschaftet. Richtig wachsen soll der Markt aber vor allem im kommenden Jahr, meint Giller: „Deutschlandweit werden jährlich rund 500 Energiespeicher in Betrieb genommen. Der Markt wird sich in den nächsten Jahren sukzessiv steigern, was vor allem mit der wegfallenden Photovoltaik-Förderung 2021 zusammenhängt.“ Nach 20 Jahren entfällt nächstes Jahr für die erste Generation von Hausdachanlagen die EEG-Einspeisevergütung. In den 2000er-Jahren waren PV-Anlagen noch wesentlich teurer. Die Solarstromerzeugung konnte aber durch die hohe Einspeisevergütung von rund 50 Cent pro Kilowattstunde attraktiver und vor allem wirtschaftlich gemacht werden. Für diese Anlagen entfällt die Vergütung nun, rund 10.000 Anlagen sind laut Bundesverband Solarwirtschaft betroffen.

Durch den Verlust der PV-Förderung ist es für die Eigentümer nicht länger wirtschaftlich, den Strom ins Netz einzuspeisen. Lohnenswerter ist es, den Eigenverbrauch des Solarstroms zu erhöhen. Für private Haushalte und Gewerbe lohnt es sich damit zunehmend, in Energiespeicher zu investieren und den Stromverbrauch im Haushalt oder Unternehmen durch eigene Solarenergie zu decken. 

Brexit lädt die Batterien

Bis zum großen Speicher-Boom in Deutschland wirft Intilion auch einen Blick ins Ausland. Länder mit einer schlechteren Infrastruktur bilden für das Unternehmen ein vielversprechendes Expansionspotenzial, meint Giller. Deshalb setzt der Anbieter zunehmend auf den britischen Markt, da Netzausfälle dort an der Tagesordnung stehen. Angst vor möglichen Auswirkungen des Brexits hat das Unternehmen dabei nicht. „Wir sind eine Schwesterfirma von Hoppecke Batterien, die eine Niederlassung in Großbritannien haben. Mit dieser Schnittstelle haben wir einen guten Kontakt in den Markt, wir sind also vorbereitet“, so Giller im Gespräch mit HLK. 

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