Energiebedarf senken

Warum Innsbruck die Energiewende schneller schaffen könnte als Penzing

Neben dem Umstieg auf erneuerbare Energien ist auch eine deutliche Reduktion des Energiebedarfs dringend notwendig. Potenzial ist vorhanden: Im Gebäudesektor könnte der Energiebedarf bis 2050 halbiert werden, wie eine neue Analyse zeigt. Vor allem in Tirol sind die Weichen gestellt.

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Um im Gebäudesektor eine Halbierung des Endenergiebedarfs bis 2050 zu schaffen, ist eine klare Fokussierung auf den besten verfügbaren Baustandard bei der thermischen Sanierung und beim Neubau notwendig.

Derzeit liegt die umfassende thermische Sanierungsrate in Österreich bei nur rund 0,7 Prozent. Ein Grund dafür ist in den relativ niedrigen Energiepreisen zu finden. Ein weiterer Grund für die Sanierungs-Unwilligkeit ist auch darin zu finden, dass die Förderlandschaft kompliziert und für viele undurchsichtig ist, sich manche Förderungen sogar gegenseitig behindern. In Summe führt dies bei vielen Verantwortlichen zur Einstellung “Dann lasse ich es gleich“.

„Prinzipiell ist jede Steigerung der Sanierungsrate zu begrüßen, wie dies in der Energie-Klima-Strategie Mission 2030 ja auch verankert ist. Mir war und ist es aber auch wichtig, die Relation und Wechselwirkung zwischen Sanierungsqualität und Sanierungsrate herauszuarbeiten“, meint Günter Lang von der Wiener Lang Consulting. Das Unternehmen hat eine Großfeldanalyse zweier jeweils vier Quadratkilometer großer Stadtteile in Wien und Innsbruck durchgeführt und damit das Energiesparpotenzial im österreichischen Gebäudesektor aufgezeigt.

Fokussierung auf besten Baustandard wichtig

Um die Halbierung des Endenergiebedarfs im Gebäudesektor bis 2050 zu schaffen, ist eine klare Fokussierung auf den besten verfügbaren Baustandard sowohl bei der thermischen Sanierung als auch beim Neubau konsequent notwendig. Hingegen führt selbst eine Sanierungsrate von 2,7 Prozent bei mäßiger thermischer Qualität nicht zur Erreichung der Klimaschutzverpflichtungen.

Beide exemplarisch betrachteten Stadtteile mit jeweils vier Quadratkilometer Größe haben etwa eine ähnliche Gebäudestruktur mit 30.000 Einwohner und einer Dichte von 7.500 Bewohnern je Quadratkilometer. Sie weisen durch den großvolumigen Wohnbau eine wesentlich höhere Sanierungsrate als üblich auf. Bei dieser bisher größten Feldanalyse von insgesamt 390.000 Quadratkilometer thermisch sanierter Bruttogeschoßflächen BGF der letzten sechs Jahre in zwei Stadtteilen von Wien und Innsbruck ergibt sich eine eindeutige Handlungsempfehlung für die Umsetzung einer erfolgreichen Wärmestrategie für die Mission 2030.

Sanierungsrate in Wien

Sehr deutlich zeigt sich, dass trotz 2,7 Prozent Sanierungsrate bei im Mittel nur 50 Prozent Energieeinsparung und gleichzeitig Niedrigstenergiehaus-Standard im Neubau die 2050 Ziele zur Halbierung des Energieverbrauches klar verfehlt werden. Die 2,7 Prozent entsprechen den rund 220.000 Quadratmeter erfassten sanierten Flächen in Penzing in den rund letzten sechs Jahren. Unter der Annahme einer gleichbleibend hohen Sanierungsrate wäre rein theoretisch bereits 2052 der gesamte Gebäudebestand thermisch saniert und um 50 Prozent verbessert. Allerdings kann nicht davon ausgegangen werden, dass sämtliche Gebäude thermisch sanierbar sind. Zugleich wird 2069 auf Grund des unzureichenden Niedrigstenergiehaus-Standard der Neubau einen gleich hohen Energieverbrauch in Summe aufweisen wie der sanierte Gebäudebestand.

© LANG consulting; Karten: Google Maps

Das Szenario-Gebiet Penzing.

Ergebnisse in Innsbruck

Dem gegenüber kommt Innsbruck nur auf eine Sanierungsrate von 2,1 Prozent, erzielt jedoch mit im Mittel 80 Prozent Energieeinsparung und konsequenten Neubau in Passivhaus Standard eine Halbierung des Energieverbrauches bis 2050. Außerdem kann auch danach noch weiter der Energieverbrauch um bis zu 70 Prozent gegenüber 2014 gesenkt werden, obwohl die Bruttogeschoßflächen um 54 Prozent anwachsen werden. Die 2,1 Prozent Sanierungsrate entsprechen den rund 170.000 Quadratkilometer erfassten und sanierten Flächen in Innsbruck in den rund letzten sechs Jahren.

© LANG consulting; Karten: Google Maps

Das Gebiet Innsbruck.

Die Beispiele im Vergleich

Unter Mitberücksichtigung des Endenergiezuwachses durch das Neubauvolumen ergibt sich für 2050 im Penzinger Szenario eine Einsparung von 39 Prozent und im Innsbruck-Szenario eine Einsparung von 62 Prozent. Bis zum Jahr 2068 ergeben sich Einsparungen beim Gebiet Penzing von 44 Prozent und im Gebiet Innsbruck von 77 Prozent. Im Penzing-Szenario wird 2050 der geringste Endenergieverbrauch erreicht, da sich ab diesem Zeitpunkt Einsparungen aus weiteren thermischen Zweitsanierungen nach 40 Jahren und Zuwächse durch das Neubauvolumen etwa die Waage halten. Währenddessen kann im Innsbrucker Szenario bis 2062 der Endenergieverbrauch nochmals erheblich gesenkt werden, ehe er sich dann auf sehr niedrigem Niveau einpendelt.

© LANG consulting

Positive Aspekte bei hoher Sanierungsqualität

Im Innsbruck-Szenario werden neben dem Erreichen der Klimaschutzziele und EU-Verpflichtungen auch viele weitere positive Aspekte erzielt:

·      Voraussetzung für 100 Prozent erneuerbare naturverträgliche Energieversorgung

·      Dezentrale Energieerzeugung und Energienutzung ohne Belastung der Netze

·      Bestmögliche Resilienz

·      Bester Wohnkomfort durch permanent frische Luft

·      Deutlich geringere Schadstoffbelastungen in Innenräumen

·      Kostengünstigste Gesamtlösung für das gesamte betrachtete Gebiet

·      Entlastung von Energie-Infrastrukturkosten

·      Hohe inländische Wertschöpfung

·      Nachhaltige Einnahmen für das Finanzministerium

·      Überführung des Handelsbilanzdefizits in einen Handelsbilanzüberschuss

·      Know-how Vorsprung der österreichischen Bauwirtschaft

·      Voraussetzungen für die Klimawandelanpassung

·      Kein kurzfristiger Boom mit anschließender Flaute

Es zeigt sich also, dass die für einen erfolgreichen Klimaschutz notwendige Halbierung des Endenergiebedarfs im gesamten Gebäudesektor bis 2050 noch zu schaffen wäre. Hierzu ist allerdings eine klare Fokussierung auf den besten verfügbaren Baustandard sowohl bei der thermischen Sanierung als auch beim Neubau konsequent notwendig. Denn wenn auf höchste Energieeffizienz gesetzt wird, dann kann der restliche Endenergiebedarf auch tatsächlich mit erneuerbaren Energieträgern versorgt werden.

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