GEWERBE UND HANDWERK

Von der Politik im Stich gelassen, mit Hoffnung auf Rückenwind

Pläne für eine Mega-Maut und fehlende Konjunktur-Stimmungsmacher trüben die Situation beim Gewerbe und Handwerk. Betriebswirtschaftlich gesehen gibt es Alarmzeichen, aber auch optimistische Signale. Bei Betriebsnachfolgen fordert die WKO einen Investitionsfreibetrag.

Unternehmen

Walter Bornett (KMU Forschung Austria),

BSGH-Obfrau Renate Scheichelbauer-Schuster und

BSGH-Geschäftsführer Reinhard Kainz berichteten

über die Lage des Gewerbe und Handwerks (v.l.).

Bild: HLK-Archiv/Herrmann

Registrierkassenpflicht, ein einengendes Gesetzes- und Normen-Netz, Pläne der Länder in Richtung einer flächendeckenden Maut, eingestellter Handwerker-Bonus, geschrumpfte Förderungen, fehlende Konjunktur-Stimmungsmacher… − die Liste der Hürden für das Gewerbe und Handwerk seitens des Staates war schon lang und wächst sogar weiter. Das sorgt ebenso für Missmut, wie das Negieren der Politik für gegensteuernde Maßnahmen. Hinzu kommt, dass Österreich den Konjunkturanschluss an Rest-Europa verloren hat und eine Rekordarbeitslosenrate für Verunsicherung in der Bevölkerung sorgt. Nachdem das Gewerbe und Handwerk von der Politik weitgehend im Stich gelassen wird, obwohl es die tragende Wirtschaftssäule dieses Landes darstellt, bleibt die Hoffnung auf bessere Zeiten.

„Vor dem Hintergrund einer nominell bereinigten roten Null für das Gesamtjahr 2015 hoffen wir auf Rückenwind. Denn anstatt die Konjunktur mit geeigneten Maßnahmen zu unterstützen, werden mit der Diskussion rund um die Mega-Maut den Betrieben weitere Hindernisse vor die Füße gestellt“, betonte die Obfrau der Bundessparte Gewerbe und Handwerk, Renate Scheichelbauer-Schuster, bei einer Pressekonferenz am 31.März 2016. Am Ende des ersten Quartals des neuen Jahres sind dringend notwendige Konjunkturimpulse wie der Handwerkerbonus, der gerade kleinen und mittleren Betrieben wichtige Aufträge gesichert habe, weiterhin nicht in Sicht.

„In Sachen Unternehmerfreundlichkeit ist die Stimmung bei den Betrieben schlecht, gleichzeitig zeigen sie sich aber optimistisch, dass 2016 besser als die beiden Vorjahre wird“, so Scheichelbauer-Schuster: „Das heißt, der Handwerkerbonus muss so rasch wie möglich umgesetzt werden, damit die Betriebe noch vor dem Sommer wichtige Impulse erhalten.“

Betriebswirtschaftliche Alarmzeichen und positive Signale

„Die Gewerbe und Handwerksbetriebe sind eine stabile Größe. Sie sind für die Volkswirtschaft ein wertvolles Gut, denn sie sichern Arbeitsplätze und Wertschöpfung, betriebswirtschaftlich gesehen aber stehen die Zeichen auf Alarm“, betonte der Direktor der KMU Forschung Austria, Walter, Bornett. Dies müsse man auch im internationalen Umfeld sehen: So zeige die aktuelle Konjunkturumfrage der UEAPME, der Dachverband der europäischen KMU, dass heimische KMU im Gegensatz zum europäischen Trend an Boden verlieren.

Konkret meldeten 2015 rund 29 % der Betriebe Umsatzsteigerungen gegenüber 2014 um durchschnittlich 9,7 %, bei 43 % der Betriebe blieb der Umsatz auf Vorjahresniveau und 28 % der Betriebe verzeichneten Umsatzrückgänge um durchschnittlich 12,3 %. Für die ersten drei Monate dieses Jahres beurteilen 15 % der Betriebe die Geschäftslage mit „gut“' (Vorjahr: 16 %), 60 % mit „saisonüblich“ (Vorjahr: 54 %) und 25 % der Betriebe mit „schlecht“ (Vorjahr: 30 %).

„Die Stimmung hellt sich ein wenig auf, die Betriebe blicken positiver auf den weiteren Geschäftsgang. Per Saldo überwiegen im Hinblick auf die Entwicklung im 2. Quartal die optimistischen Einschätzungen die negativen aber nur um 1 Prozent-Punkt“, so Bornett. Trotzdem wollen 70 % der Betriebe, den Personalstand konstant halten und 25 % sogar den Beschäftigtenstand erhöhen. Sorgen bereite zudem die noch immer zunehmende Preiskonkurrenz (74 % der Betriebe sind im laufenden Jahr durch die Preiskonkurrenz in ihrer Geschäftstätigkeit beeinträchtigt) sowie die niedrige Investitionstätigkeit: Pro Kopf investierten die Betriebe der Sparte 2015 rund 4.600 Euro, 2009 lag dieser Wert bei 6.100 Euro, rechnet der KMU-Experte vor.

Mega-Maut: Existentielle Bedrohung für Betriebe mit Werksverkehr

Mit „existentiellen Auswirkungen“, so die Obfrau, werde man jedenfalls zu kämpfen haben, wenn die von den Bundesländern geplante Mega-Maut auf Landes- und Gemeindestraßen tatsächlich kommen. Denn davon wären insbesondere diejenigen Gewerbe- und Handwerksbetriebe betroffen, die im niederrangigen Straßennetz im Rahmen des Werkverkehrs für ihre Kunden unterwegs sind. Beispiel 1: Textilreiniger, der Krankenhäuser, Seniorenhäuser, Hotels und Firmen beliefert: bei einer jährlichen Kilometerleistung von rund 2,5 Mio. Kilometer (davon nur 40 % auf Autobahnen) fielen bei der Einführung einer flächendeckenden LKW-Maut allein auf diesen Betrieb jährliche Mehrkosten von 451.000,-- Euro! Beispiel 2: Milchverarbeitungsbetrieb. Mautkosten für einen einzelnen Milchsammelwagen im ländlichen Gebiet rund 17.300,-- Euro pro Jahr. „Wir lehnen eine flächendeckende Mega-Maut klar ab. Stattdessen sollen die vorhandenen Einnahmen der Steuern und Abgaben des Straßenverkehrs dorthin fließen, wo sie hingehören: in die Erhaltung und den Ausbau des österreichischen Straßennetzes“, unterstrich Scheichelbauer-Schuster.

Forderung nach Investitionsfreibetrag für Betriebsnachfolge

Aufgrund der großen volkswirtschaftlichen Relevanz der Betriebe der Sparte – mehr als ein Drittel aller Arbeitgeberunternehmer – rückt das Thema Betriebsnachfolge wieder stark in den Fokus. „Bis 2024 sind rund 150.000 Arbeitsplätze von der Betriebsnachfolge betroffen. Vor dem Hintergrund von 500.000 Arbeitslosen eine gewaltige Zahl. Und ein Zeichen, dass diese Betriebsübergaben im Sinne des heimischen Standortes gut geplant durchgeführt werden müssen, denn sonst geht wertvolles betriebliches Kapital verloren und damit Tausende Arbeitsplätze“, so Scheichelbauer-Schuster. Bornett rechnet etwa damit, dass rund 15.400 Betriebe mit einem Umsatzvolumen von 90 Mrd. Euro zur Übergabe anstehen.

Die größten Hindernisse bei der Betriebsnachfolge seien im Bereich der „hard facts“ bei der Finanzierung und Modernisierung des Betriebs zu sehen. Im Bereich der „soft facts“ sei die größte Hürde die Unsicherheit, ob der Prozess der Übergabe von Seite der Betriebseigentümer aktiv betrieben werde.

Da vielfach in den Jahren vor einer nahenden Betriebsnachfolge in den Unternehmen die Investitionsquote sinke und die Finanzierungssituation gerade was kleine Betriebe betreffe, aufgrund der bürokratischen Vorschriften, schwieriger werde, sei aus seiner Sicht die Einführung eines Investitionsfreibetrags für Betriebsübergaben der derzeit sinnvollste Schritt. „Ein entsprechender Freibetrag der explizit nur für Betriebsübergaben gilt und auch bereits vom Übergeber in einer gewissen Zeitspanne vor der Übergabe geltend gemacht wird, wertet das Unternehmen auf und hilft dem Nachfolger gleichzeitig, bei der Modernisierung rascher und umfassender vorgehen zu können“, so Bornett.