Erneuerbare Energie

Industrie befürchtet Stromausfälle durch Energiewende

Im Sommer 2019 speisten Windräder und Photovoltaikanlagen in Deutschland deutlich mehr Strom ins öffentliche Netz als im Vorjahr. Statt Freude wecken diese Zahlen Sorgen bei der Industrie.

Der Anteil erneuerbarer Energie ist in Deutschland gestiegen. 

Von Juni bis August speisten Windräder und Photovoltaikanlagen zusammen 39,3 Terawattstunden Strom ins öffentliche Netz ein, wie das Fraunhofer-Institut für solare Energiesysteme ISE errechnet hat. Das waren gut zehn Prozent mehr als in den Sommermonaten 2018. Deutlich weniger Strom als im vergangenen Sommer produzierten dagegen Braunkohle- und Steinkohlekraftwerke.

Mit den beiden fossilen Brennstoffen wurden den ISE-Zahlen zufolge 29,6 Terawattstunden Strom erzeugt. Bei der Braunkohle waren es ein gutes Drittel weniger als im Sommer 2018, bei der Steinkohle belief sich der Rückgang sogar auf 50 Prozent.

Im Zuge der Energiewende sollen Kohle, Gas und Atomkraft durch erneuerbare Energieträger ersetzt werden. Bis 2022 wird das letzte Kernkraftwerk abgeschaltet sein, bis 2038 ist der Kohleausstieg geplant. Der Ökostrom-Anteil soll ferner bis 2030 auf 65 Prozent steigen - im ersten Halbjahr 2019 lag der Beitrag zur Deckung des Stromverbrauchs nach Zahlen des deutschen Energieverbandes BDEW bei 44 Prozent.

Allerdings sind diese Ziele in Gefahr, denn vor allem der Ausbau der Windkraft an Land ist fast zum Erliegen gekommen. "Genehmigungsstau und Klageflut belasten die Branche", hatte der BDEW-Präsident Hermann Albers gesagt. Dazu kommen strenge Abstandsregelungen zu Wohnhäusern, etwa in Bayern und der Widerstand von Bürgerinitiativen vor Ort. Der deutsche Wirtschaftsminister Peter Altmaier plant daher am 5. September ein Krisentreffen zur Windkraft mit Vertretern der Branche und der Länder.

"Mit diesem Tempo kann die Bundesregierung ihre selbstgesteckten Ziele beim Klimaschutz und bei erneuerbaren Energien nicht erreichen", sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Achim Dercks.

Angst vor Stromausfällen

Die Unternehmen seien vom "Schneckentempo" beim Ausbau der Windkraft direkt betroffen, sagte Dercks. Deutschland steige bis 2022 aus der Kernenergie aus und plane bis 2038 den Kohleausstieg. Der Strom müsse dann aus anderen Quellen kommen. Versorgungssicherheit sei für alle Unternehmen entscheidend. Bereits kurze Unterbrechungen könnten die Produktion empfindlich stören oder komplett lahmlegen. Laut DIHK-Umfragen sei bereits jetzt jedes vierte Industrieunternehmen von "kurzen Stromausfällen".

Der DIHK forderte die deutsche Regierung unter anderem auf, Planungs- und Genehmigungsverfahren zu beschleunigen. Es helfe bereits, wenn Gerichte und Genehmigungsbehörden mit entsprechendem Personal ausgestattet würden. Außerdem müsse es bundeseinheitliche Regelungen zum Abstand von Windrädern zu Wohnhäusern geben. Bisher bestehen unterschiedliche strenge Regelungen in den Ländern. Eine etwa von Bürgerinitiativen geforderte stärkere finanzielle Beteiligung von Kommunen am Ausbau der Windkraft lehnte Dercks ab.

Auch beim Solar-Ausbau drohen große Probleme. Zwar gab es bei der Solarstromerzeugung von Juni bis August ein deutliches Plus. Nach Angaben der Denkfabrik Agora ist dies auch eine Folge des Zubaus neuer Solaranlagen im ersten Halbjahr 2019 mit einer Leistung von zwei Gigawatt.

"Solarstrom ist inzwischen nicht nur eine der günstigen Arten, Strom zu erzeugen, er ist auch unbedingt nötig, um die Energiewende in Deutschland zu schaffen und die Klimakrise zu bekämpfen", sagte Agora-Direktor Patrick Graichen. Deshalb müsse der immer noch existierende Ausbaudeckel von 52 Gigawatt schnellstmöglich weg. "Diese Marke könnte schon nächstes Jahr erreicht werden, dann würde der Ausbau abrupt zum Stehen kommen", warnte Graichen.

Im Jahr 2012 war ein Förderdeckel bei einer installierten Solarkapazität von 52 Gigawatt eingeführt worden. Die Solarbranche fordert seit langem eine Streichung dieses Deckels.

Die Förderung der Produktion von Ökostrom landet über die EEG-Umlage auf den Stromrechnungen der Verbraucher. Die könnte nach einer Prognose von Agora im kommenden Jahr leicht steigen und bis 2021 mit rund sieben Cent pro Kilowattstunde ihren Kostengipfel erreichen. (APA/red)

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